STADTMUSEUM AICHACH

Ölgemälde "Plauderei hinter der Stadtmauer"


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Das 2008 wiedereröffnete Stadtmuseum Aichach hat eine sehenswerte Dauerausstellung, in der die Stadtgeschichte anschaulich präsentiert wird. Hinter den Kulissen gibt es aber auch ein Archiv und Depot mit vielen hochinteressanten Objekten, Dokumentationen und Bilder, die öffentlich noch nicht gezeigt worden sind. In den Besitz der Stadt kamen viele dieser Dinge zum Beispiel durch großzügige Schenkungen oder Überlassungen von Aichacher Bürgern. Der Museumsleiter Christoph Lang hat aber auch immer wieder im Kunst- und Antiquitätenhandel beziehungsweise auf Auktionen den ein oder anderen für die Stadtgeschichte wichtigen Gegenstand erwerben können.
Genau ein solches Objekt ist dieses Ölgemälde von Hermann Stockmann, das kürzlich seinen Weg ins Museum fand. Bei einem Besuch in der Ausstellung „Hermann Stockmann (1867-1938). Maler und Zeichner des Dachauer Landes“ im Klostermuseum Altomünster vor einem Jahr sahen der Museumsleiter Christoph Lang und Kunstpädagoge Gottfried Hecht ein Ölgemälde mit dem Titel „Plauderei hinter der Stadtmauer“. Der abgebildete Ort war allerdings unbekannt. „Wir haben aber sehr wohl erkannt, um welchen Ort es sich hier handelt!“, bemerkte Christoph Lang mit einem Grinsen. Hecht und Lang haben den nicht mehr existierenden Aichacher Flunk-Turm eindeutig erkannt, der auf alten Fotografien und Stadtplänen noch zu sehen ist. Er war Teil der mittelalterlichen Stadtbefestigung und stand am Abschluss des ehemaligen „Tantelmarktes“, dem heutigen Tandlmarkt. Eine Markierung im Straßenpflaster weißt zurzeit auf das frühere Gebäude hin.
Mit breiten Pinselstrichen vermischt Stockmann auf der Leinwand das atmosphärische Weiß-Blau des Himmels und der Wolken mit der brauen und grauen Farbe der bröckelnden Fassade der Turmwände. Gleichzeitig verwebt er mit vielen spontan gesetzten Pinseltupfern die flimmernden Grautöne von Laub und Gras mit dem Rotbraun der Ziegelsteine und Dachfassaden. Stockmann hat den altehrwürdigen Turm der Aichacher Stadtbefestigung als zentrales Bildmotiv gewählt. Die Stadtgräben waren zu dieser Zeit bereits zugeschüttet, die Wälle waren eingeebnet und in Obstgärten verwandelt worden. Die ursprüngliche Stelle, an der die abgerissene Stadtmauer am Turm anschloss, ist mit leuchtendem Ziegelrot besonders hervorgehoben. Als ob dem ehemaligen Wehrturm ein künstlerisches Denkmal gesetzt werden sollte, ragt der Bau wie ein einsamer Monolith aus dem Gewirr der umliegenden Dächer und Baumkronen kantig heraus. Im Vordergrund sind zwei am Zaun sich gegenüberstehende Frauen, die ein reges Gespräch führen. Eine der beiden ist in „boarischer“ Frauentracht gekleidet, die damals noch im Alltag getragen wurde.
Für diese romantische und wehmütige Erinnerung an eine längst vergangene Zeit benützt Stockmann aber einen durchaus fortschrittlichen Malstil. Mit schnellen, kommaartigen Pinselstrichen setzt er seinen direkten Seheindruck unmittelbar auf der Leinwand um. Die Aichacher Neuerwerbung ist ein Beispiel gekonnter impressionistischer Freilichtmalerei.
Der Flunk-Turm, der vermutlich aus dem 14. Jahrhundert stammte, stand auf dem Tandlmarkt und begrenzte die Stadt nach Osten. Jahrhunderte lang diente er als städtisches Gefängnis, ehe er 1809 an die Familie Flunk verkauft wurde. Nachdem die Stadt den Turm zurückgekauft hatte, ließ man ihn 1930 abbrechen, um die Stadt für den Verkehr nach Osten hin zu öffnen.
Stockmann war mit Caroline Wocher, der Tochter des Aichacher Apothekers seit 1898 verheiratet und lebte in Dachau im sogenannten „Spatzenschlößl“. Er war Professor an der Münchner Kunstakademie und Mitglied der Dachauer Künstlerkolonie.
In der Trachtenausstellung des Stadtmuseums befindet sich von ihm eine Ölskizze eines Mädchens im Aichacher G’wand von 1919. Vermutlich ist das Gemälde des Flunk-Turmes auch in dieser Zeit entstanden. Einige Jahre zuvor wurde er der Aichacher Stadtverwaltung beauftragt, die Stadtdekoration rund um den Besuch vom bayerischen König Ludwig III. anlässlich der 800-Jahrfeier der Burg Oberwittelsbach im Mai 1914 zu entwerfen. Durch seine Vermittlung kam auch die Bronzebüste von Ludwig Steub an das ehemalige Geburtshaus des in Aichach geborenen Reiseschriftstellers.

Abbildung: Plauderei hinter der Stadtmauer, Öl auf Leinwand, 60 x 50 cm. (Foto: Franz Achter)

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