STADTMUSEUM AICHACH

Liedertafel Aichach


abb01 LA - 1895 (kleiner).jpgDas Vereinsbild von 1895 zeigt eindrucksvoll das eigene Verständnis als Liedertafel Aichach. Als reiner Männerchor stehen um den Chorregenten in der Mitte Honoratioren wie Lehrer, Handwerksmeister, Kaufleute, Amtsrichter, Amtsschreiber und je ein Mühlendirektor, Arzt, Techniker, Anwalt und Pfarrer. Zu finden ist das Bild sowie auch die Fahne im Stadtmuseum Aichach. Frauen waren zu dieser Zeit noch schmückendes Beiwerk, bzw. stellten dieses. Ab dem Jahrhundertwechsel musste man sich aber den neuen gesellschaftlichen Anforderungen anpassen, da ansonsten keine Chance zu überleben mehr blieb. (Foto: Christoph Lang)

Genauso wie früher ist Aichach immer noch stark von einem kulturellen Einfluss geprägt. Ein großes Beispiel dafür, das eine besondere Bedeutung im gesellschaftlichen Leben der Stadt hatte, zeigt die 1845 gegründete Liedertafel Aichach, deren überaus interessante Akten im Stadtarchiv Aichach lagern. Neben einer beinahe kompletten Sammlung an Noten und Theaterstücken, finden sich hier auch die meisten Rechnungen. Mitgliederlisten und Korrespondenzen, die tiefe Einblicke in die Sozialstruktur und das Standesbewusstsein ihrer Mitglieder geben.
Ab dem zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts entstanden in immer mehr Orten organisierte Männerchöre, so wie es 1845 in Aichach durch Zutun der beiden Bürgerssohne Ignaz Werlberger und Anton Weinmiller der Fall war. Doch zeigt sich an seinen Mitgliedern auch sein eigenes Verständnis: Mitglieder waren Männer aus der Mittel- bis Oberschicht, wie zum Beispiel Lehrer, Mediziner, Mitarbeiter der Post, Privatiers, Wirte und Bräuer, aber auch Geistliche. Auffällig ist dabei das Fehlen weiter Bevölkerungskreise, wie Arbeiter, Taglöhner, Handwerksgesellen usw. Die Liedertafel Aichach war eine Vereinigung von Honoratioren der Stadt und ihres Umlandes. Sie verstand sich als ein relativ abgeschlossener Kreis von Mitgliedern, die bei ihren Veranstaltungen an Ritualen, wie dem Mitführen ihres Vereinspokals und ihrer -fahne, festhielten. Außerdem war es eine Selbstverständlichkeit der damaligen Zeit, dass Frauen weitestgehend außen vor blieben. Dies zeigt auch die Vereinsfahne der Liedertafel Aichach, die im Stadtmuseum Aichach ausgestellt ist. Feinsäuberlich bestickt zeigt sie die Beschriftung „Aichachs Frauen ihrer Liedertafel“. Als aktive Mitglieder hatten Frauen zu dieser Zeit im Vereinswesen noch nichts zu suchen. Als führten passive Mitglieder einige Frauen als Witwen die Mitgliedschaft ihrer verstorbenen Gatten fort, doch einige waren auch als aktive Mitglieder in der Theatergruppe tätig. Spätestens ab 1874 wirkten Frauen regelmäßig musikalisch bei der Liedertafel mit.
Die gemeinsamen Unternehmungen zeugen auch von einem großen Miteinander. Neben regelmäßigen Gesangsübungen- und Proben, veranstaltete die Liedertafel Aichach auch Ausflüge und sonstige Vereinsaktivitäten, wie zum Beispiel Fackelzüge, Waldpartien oder Bockpartien. Aber auch bei großen Sängerfesten zeigt sich eine rege Teilnahme, die jedes Mal ein besonderes Ereignis für die Teilnehmenden darstellte. Obgleich man als einzelne Gesangsvereine anreiste, stellte sich doch bald über die gemeinsamen Lieder ein einendes Gefühl der Zugehörigkeit zum „starken, freien, deutschen Vaterland“ als eine deutsche Brüderschaft ein. Alle Teilnehmer hatten hier etwas gemeinsam: sie waren „Deutsche Sänger“.
Doch wurde der Liedertafel Aichach ihr eigenes Standesbewusstsein auch später zum Verhängnis. 1919 wurde der „Arbeiter-Gesangsverein“ gegründet, der sich schon zwei Jahre darauf in „Gesang- und Orchesterverein“ umbenannte. Wie schon aus der Änderung der Vereinsnamens ersichtlich ist, hatte dieser Gesangsverein einen umfassenderen gesellschaftlichen Anspruch – ihm standen die Türen für Mitglieder aus allen Schichten der Gesellschaft offen. Die Liedertafel Aichach hatte dagegen indes mit internen Streitigkeiten zu kämpfen, wie man mit dem Gesang- und Orchesterverein verfahren sollte. Dieser hatte zum 10jährigen Jubiläum als Mitglied der Paargau-Singvereine zum Kreissingen nach Aichach geladen. Obgleich die Liedertafel Aichach kein Mitglied war, wurden sie als Zeichen der stadtinternen Freundschaft der Singvereine eingeladen. Vereinsintern entzündete dies jedoch Diskussionen und schließlich Streitereien, wie man mit nicht-standesbewussten Singchören verfahren sollte, die schlussendlich zwischen 1929/30 zu seiner Auflösung führten.
Während es der Aichacher Liedertafel als standesbewusstem Honoratiorenverein jedoch nicht gelang, sich den gesellschaftlichen Anforderungen des 20. Jahrhunderts anzupassen, erfreute sich der gesellschaftlich offene Gesang- und Orchesterverein Aichach anhaltend großer Beliebtheit. Er schaffte es bis in die Gegenwart hinein – heute nennt sich der Verein Liederchor Aichach – ein wichtiges Element des Aichacher Kulturlebens zu bleiben.
Ebenso wie es heute noch der Fall ist, bot die Mitgliedschaft in einem Verein das Umfeld und die Möglichkeit sich zu integrieren und sich heimisch zu fühlen. Besonders für musikinteressierte Neubürger bot die Liedertafel einen gesellschaftlichen Anschluss in einem neuen Umfeld. So wie die Menschen heute in Fußball- oder Tennisvereine strömen, findet man dort Menschen, die von einer gemeinsamen Sache begeistert sind und einen Anknüpfungspunkt bieten.

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